Heimbüro

Der MOFA-PoC

Wer hätte das gedacht? Ein Arbeitsmodell für Privilegierte, dass sich so rasant schnell in einer Ansteckungswelle sondergleichen beim arbeitenden Volk verbreitet – also eigentlich nur beim sitzend arbeitenden Volk, wobei auch nicht bei allen sitzend Arbeitenden. Bagger-, Kran-, Lokführende, Taxi-, Bus-, Lastwagenfahrende, Polizistinnen, Polizisten, Kassierinnen, Kassiere und viele andere, sind da natürlich ausgenommen. Na ja, die auf den Bauernhöfen, Baustellen, im Gastrobetrieb (die haben zwar eh frei), im Spital, in den Pflege-, Alterszentren und den Arztpraxen, kennen den Begriff Heimbüro im besten Fall vom Hören-Sagen. Sehr ungerecht! Seit einigen Wochen dreht sich trotzdem fast alles und extrem medienwirksam um das Heimbüro / Homeoffice. Als wüssten die Betroffenen schon alle, wie das abgeht, arbeitet man zuhause. Also eben nicht man, sondern dem Gspür nach müssten es lediglich 50% der arbeitenden Bevölkerung sein.

In der sogenannten Urproduktion / Rohstoffproduktion, Land-, Forstwirtschaft, Jagt, Schlachtereien arbeiten 2.6 Prozent der Erwerbstätigen. Im industriellen Sektor, Gewerbe, Industrie, Handwerk, Bau, Energie- und Wasserwirtschaft, Müllabfuhr, Kläranlagen, Schrottplätze usw. sind es 20.9 Prozent. 76.6 Prozent arbeiten im Tertiärsektor / Dienstleistungssektor, Handel, Verkehr, öffentliche Haushalte Beratung, Rechtssprechung, Heil- und Erziehungsberufe, ICT, High Tech. Die Heimbürolisten dürften also demzufolge, rund 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ausmachen. Sie können, wenn sie wollen, die Privilegien des Heimbüros, mehr oder weniger intensiv, ausleben, wählen ob sie sich der sonst zwingend erforderlichen und zeitraubenden Morgentoilette hingeben wollen oder nicht. Wen kümmert es schon ob man „sauber geputzt und dargetan“ vor einem Bildschirm hängt. Schlafrock oder Pyjama kann ja auch nach dem Mittagessen mit dem Trainer getauscht werden. Endlich stört kein Kunde mehr beim Arbeiten. Das Pendeln fällt weg. Da kommt man so richtig vorwärts. So nach dem Motto: „Keine Sau ruft mich an und interessiert sich für mich!“

Es ist, so meine ich, an der Zeit den Hut zu ziehen und ein herzliches Dankeschön jenen auszusprechen, die nicht nur medizinisch für uns da sind. Also die Arbeiterklasse, welche in der Urproduktion und dem industriellen Sektor für uns da sind. Dafür da sind, dass es uns nicht an die „Chnoden“ friert, wir zu Essen haben, Licht und Strom für unsere Heimarbeitsmaschinen vorhanden ist und es um uns herum nicht stinkt und weitere Chäfer herumfliegen können. Danke an Euch anderen 50% über die man in der Regel nur dann spricht, wenn’s nicht läuft oder wenn die ewig selbe Medienwelle ausnahmsweise nicht mehr aus der Televisionsmaschine über die Köpfe sprudelt. Vielleicht ein Trost für diese weniger privilegierten 50 Prozent, dass Heimbüro mit Telefon- speziell mit Videokonferenzen, nur in den ersten Tagen einen gewissen Unterhaltungswert bietet. Nichts ist da, mit ungekämmt im Pyjama vor dem Bildschirm-Sitzen. Das Teil kann seit einiger Zeit in beide Richtungen schauen und hören. Und wie es halt so ist, mit technischen Spielzeugen, sie lenken mehr als weniger vom Wesentlichen ab. Wir Heimbürolisten sind sicher nicht undankbar darüber, dass wir (noch) keine fundierte Effizienzmessung von der Arbeitsleistung machen können. Im Moment ist es, nicht zuletzt deshalb, noch der Plausch sich mit den neuen technischen Features auseinanderzusetzen. Kleiner Tipp unter uns. Fragt mal Eure Partner oder Partnerinnen, wie sich das so aus dem Nebenzimmer anhört, wenn wir Heimbürolisten arbeiten. Auch das noch unter uns. Was denkt Ihr nach dieser Heimbürozeit über eine mobile, flexible Arbeitswelt? Eine Fahrt mit dem MOFA ist vielleicht doch spannender als es den Anschein macht!