Die Welt neu erfinden

Informationsverarbeitungskünstler

Keine Neuentwicklungen mehr in der Branche? Ich meine wirklich Neues. Keine Ideen mehr? Da verkümmert Altbewährtes und wird zur Nostalgie, und Neues entsteht nicht mehr? Etwas kümmerlich für die Menschheit. Bewährtes lässt man stehen bis es zerfällt. Bestenfalls nach langer Zeit kümmern sich Leute mit Schäufelchen und Pinsel im Erdreich, um nach Fragmenten zu graben. Wenn es noch früh genug ist und im Schuppen der Urgrosseltern Blechreste gefunden werden, beginnen die Finder sich Gedanken über den Nutzen des Altbewährten zu machen. Der darauffolgende Renovationstrieb macht aus Bewährtem nostalgische Fundstücke. In Museen ausgestellt oder zu neuem Leben erweckt, bewegen sich Nostalgiezüge, Dampfschiffe und Oldtimer wieder, wunderbar glänzend.

Mir scheint es logisch, dass es schneller und effektiver ist, auf bewährtem Fundament zu bauen. Anders gesagt auf Ideen die andere vor mir schon hatten, aufzubauen und weiter zu formen, zu gestalten. Natürlich immer mit dem gebotenen Respekt vor dem, was vor mir erfunden oder entdeckt wurde. Weshalb wird eigentlich fast alles «neu» erfunden. Künstler bauen verständlicherweise nicht auf Bewährtem, Altem auf. Künstler sind dazu verdammt, kreativ zu sein. Neues zu gestalten. Einmalig zu sein.

Ich behaupte, dass Informatiker eigentlich Künstler sind, sein wollen und sich auch so benehmen. Kunst ist auf den (meinen) Punkt gebracht, etwas das Menschen anspricht, Bewunderung auslöst, sie fasziniert und emotional berührt. Bewunderung und Faszination auch für das Talent welches uns das Kunstwerk hinterlässt. Klauen und umspritzen führt da kaum zum Ziel! Ich meine das offensichtliche, plumpe Klauen, dass jeder merken müsste. Anders ist es mit dem raffinierten Klauen. Besser gesagt dem Abkupfern, Das braucht Talent. Nachäffen wäre dann schon wieder langweilig und ausgesprochen fantasielos. Macht doch keinen Spass! Wer sich dann noch beim Äffen ertappen lässt, gehört an den Ohren gezogen. Peinlich! Wenn wir Informationsverarbeitungskünstler bestehen wollen, dürfen wir nicht dem Nachäffen verfallen. Wir müssen gut sein. So gut, dass es schon fast weh tut. Nachäffen ist peinlich. Weil es jeder bald merkt! „Das hatten wir doch schon mal, alter Wein in neuen Schläuchen!“ In unserem Gewerbe hört man das noch viel zu oft. Fatalerweise immer öfter. Auf Bewährtem aufbauen, Erfundenes so zu nutzen, dass es nicht nur dem «Verkäufer» dient, hat übrigens mit Nachäffen nichts zu tun. Das ist in meinen Augen auch Kunst. Genial. Nur eben die wahren Informationsverarbeitungskünstler, die das spüren und danach handeln, sind rar geworden.

Was ist mit der Konsum-Menschheit los. Sie nimmt den vor sich hin modernden und stinkenden Schrott nicht mehr wahr! Geschmacksache? Auch wenn der Schrott schön übermalt, mit Glimmer bestreut, glitzert, müsste der echte Künstler merken, dass es in den meisten Fällen unbrauchbarer Quatsch ohne Mehrwert ist. Und so nebenbei zur unnötigen Übung für alle Betroffenen wird. Kunst, die ich mag, bringt uns Mehrwert. Philosophisch? Nö! Immer dann, wenn die Menge in das gleiche Wachstumshorn bläst, ist es für mich nicht mehr philosophisch, dann ist es psychologisch. Künstler sein braucht Talent und eine gehörige Portion Genialität. In diesem Sinne ist das Andrehen von altem Plunder, schon auch genial. Ein Mehrwert für die Andreher. 

Wo sind die früheren Kulturen hin? Nein, nicht von Vulkanausbrüchen und Meteoriten aufgerieben. Das waren die Saurier. Evolution! Evolution bedeutet Weiterentwicklung und muss nicht zwingend Untergang und Nullwachstum bedeuten. Sich weiterentwickeln, auf Bewährtem und Gelerntem aufbauend, weiterkommen. Dazu täte allerdings mehr Kunst im Handwerk und umgekehrt mehr Handwerk in der Kunst gut. So kann ich mir die Verbindung von Informationskunst und Handwerk wieder besser vorstellen. Auch ökologisch und ökonomisch gesehen. Altes und Schrumpfliges mit etwas Glitzer und Lametta verziert und geliftet, möglichst teuer verkaufen, riecht mir zu stark nach Puff. Rotlichtmilieu, schnelles Geld! Meist früher als später merkt das jede dusselige Kuh (ich liebe diesen Ausdruck). Auch wenn man es nicht für möglich halten mag. So schnell wie eine dusselige Kuh merkt, können wir niemals alten Quatsch umspritzen und als neu verkaufen. Gleitcrème nutzt da auch nichts. Informationsverarbeitung ist zur Unterhaltungselektronik mutiert. Multimedia-Systeme mit unbrauchbaren Funktionen. Sie bereiten genau solange Freude, bis Mann sie versteht. Dann werden sie rasch uninteressant. Die Spielzeuge müssen dann umfassend getuned werden. Spoiler montieren, umspritzen, anderer Duft, andere Buttons. Die benötigten Grundfunktionen sind dann oft noch da. Beispielsweise kann man immer noch telefonieren, nun getuned, mit erheblichen Unterbrüchen und Nebengeräuschen.

Also wir liegen ja eigentlich im Trend. Was rufe ich da aus? Unsere Apps, Anwendungen, Programme und Plattformen machen doch Spass. Na ja, lassen wir mal die Nutzer weg. Undankbares Pack! Ist doch alles gut, und Kohle ist eh auch mehr als genügend vorhanden. Wer will nochmal, wer hat noch nicht. Ab, mit Tempo auf die Achterbahn. 

Kunst muss nicht immer gefallen und verstanden werden. Sie darf auch mal abstrakt sein! Besonders in der Informationsverarbeitung. Tipp noch zum Schluss, wenn es zu abstrakt oder zu langweilig werden sollte, Excel kennt eine unbeschränkte Anzahl Zellen und viele Farben und läuft auf fast jeder Plattform. Und man kann damit alles machen! Es muss ja nicht immer SAP sein!