Bahnhof ausser Betrieb

Wenn die Züge vorbeifahren

Manchmal beschleicht mich das Gefühl an einem Bahnhof zu stehen, an dem kein Zug mehr hält. Der Bahnhof ist ausser Betrieb. Auf den zwei Perrons erobert grünes Unkraut zwischen Plattenritzen neues Terrain. Die Gleisanlagen teilweise noch mit Holzschwellen ausgerüstet, die Schienenstränge darauf verrostet. Nur unter zwei neuen Betonschwellen glitzern sie in der heissen Sommersonne. Deutliche Zeichen, dass auf diesen zwei Gleisen doch noch Züge verkehren. Seit einem Jahr am Bahnhof durchbrausen und nicht mehr anhalten. Der Schnellzughalt an diesem Bahnhof ist aufgehoben. Seit einigen Monaten hält kein Regio-Express und keine S-Bahn mehr. Nur das Postauto bedient den Bahnhof noch während der Sommermonate. Einige wenige Wanderer schätzen diesen Service als Ausgangspunkt oder Start in das nahegelegene Wandergebiet sehr. Dreimal täglich wendet das Postauto auf dem Bahnhofplatz. Direkt vor dem ehemaligen Kiosk, dort wo jetzt ein Getränkeautomat steht. 

Während den Sommerferien wird das Bahnhofgebäude abgerissen. Die nicht mehr benötigten Gleise der Rangieranlagen zurückgebaut. Der Güterschopf und die Lagergebäude sind bereits abgebrochen. Es entsteht an deren Stelle ein Mehrfamilienhaus mit einer Tiefgarage. Die Signalanlagen werden längst ferngesteuert. Das alte Stellwerk abgebrochen.

Vor 16 Jahren war hier noch Hochbetrieb. Pendler, Schüler und Umsteiger benutzten dieses Tor zur Welt an jedem Wochentag, oft mehrmals. Wo der Bahnhof steht? In Bern an der Reiterstrasse.

Lange bevor Computer auf den Arbeitstischen der BVE standen, arbeiteten die Mitarbeitenden aller Ämter und Fachstellen der BVE mit Karteikästen, Hängeregistraturen und kilometerlangen Ring-Ordnerablagen. Die Arbeit wurde mit bedeutend weniger Personal als heute erledigt. Dann kam die Revolution. In Gestalt der Herren Fritz M., Fred J. und Hansueli M. Drei „verrückte“ IT-Pioniere kamen auf die Idee, Vermessungsdaten auf einem Komputer zu speichern. Etwas später schafften sie es die kantonsweit verstreuten Aussenstellen mit der Zentrale an der Reiterstrasse elektronisch zu verbinden. Terminal Server Architektur sei Dank. Die anderen Ämter und Fachstellen der BVE fanden sehr bald auch den Zugang zur elektronischen Datenverarbeitung. Zeitgleich wurde für den gesamten Kanton Bern eine zentrale Datenverarbeitung aufgebaut. Der Versuch gemeinsam die Informatik aller Direktionen unter einen Hut zu bringen scheiterte mehrmals kläglich. So kam es, dass nicht nur jede Direktion eine eigene IT-Abteilung aufbaute, sondern teilweise auch Ämter ihre IT-Eigenständigkeit suchten und fanden. 2003 rauften man sich widerwillig zusammen, um unter der Führung des Generalsekretariats eine gemeinsame BVE-IT aus dem Boden zu stampfen. In einem zähen und emotional aufreibenden Prozess konnte sich das Tiefbauamt mit seiner Terminal Server Infrastruktur durchsetzen. Die gesamte BVE wurde 2004-2005 auf Windows-NT 3.1 basierenden Terminal Server migriert. Verschiedene Protagonisten fühlten sich darauf in ihren Kompetenzen unerträglich stark eingeschränkt. Die Grabenkämpfe dauerten an, kosteten viele personelle Ressourcen und konnten erst durch die Einführung von ITIL und den damit verbundenen Prozessen beigelegt werden.

Im Laufe der Zeit gelang es, so eine ausserordentlich effiziente ICT aufzubauen und lange Jahre sehr erfolgreich zu betreiben. Dank der gewählten und erneuerten Terminal Server Systemarchitektur und den innovativen, kantonsnahen Partnern. Es gelang erfreulicherweise die wachsenden Kundenbedürfnisse gut zu befriedigen. Wer das Verwaltungsumfeld kennt, weiss – keine einfache Aufgabe. Es hat Spass gemacht! Die mit grosser Innovation verbundenen Vorhaben konnten, trotz immer grösser werdendem Einfluss des Kantonalen Amts für Organisation und Informatik (KAIO), durchgeführt werden.

Wer und was auch immer letztlich dazu geführt hat, eine neue Verkehrstrategie zu fahren steht auf einem anderen Blatt, besser gesagt auf einem anderen Buchtitel. Es wird auf jeden Fall besser, sagen jene, die den Laden vom Hören sagen kennen. Wehmut? Den alten Zeiten nachweinen? Nein nicht wirklich. Aber an die gemeinsamen Erfolge zurückzudenken sei erlaubt!

Der Bahnhofsvorstand mit seinen Leuten hat den Bahnhof bereits geräumt, wenigstens mental. Sie winken den vorbeifahrenden Zügen nach. Solange die Reisenden selber nicht aussteigen wollen, werden die Züge auch nicht anhalten. Sie fahren ja selber mit dem Individualverkehr nach Hause oder an ihren Arbeitsort.

Das isch ds Lied vo de Bahnhöf 
wo dr Zug geng scho abgfahre isch oder no nid isch cho.
Und es stöh Lüt im Rägemantel dert und tüe warte und ds Gepäck hei si abgstellt
Zwöi Ching luege am Outomat ob nid doch dert no meh usechöm
als die Caramel wo si scho hei gässe.
Und dr Bahnhofvorstand telefoniert.
D‘ Mütze hanget ar Wand und im Wartsaal isch gheizt.
Sitzt e Ma won e Stumpe roukt wo stinkt und list ds Amtsblatt.
Mängisch lütet e Glogge und en Arbeiter mit schwarze Händ stellt e Weiche. 
Me weis nid für was. Dänk für d’Güeterwäge wo vor em Schopf stöh.
Und dr Bahnhofvorstand leit d’Mützen a
S’fahrt e Schnällzug verby und es luftet no gäng wäret däm,
dass dr Vorstand scho sy Huet wider abziet.
Das isch ds Lied vo de Bahnhöf wo dr Zug geng scho abgfahren isch oder no nid isch cho.

(Mani Matter)